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BDPA Herbstseminar 2026: Kosmos Kanzlei – heute und morgen

Prof. Dr. Godehard Kayser, Vorsitz. Richer BGH a.D.

Der Kosmos Kanzlei ist nicht automatisch ein harmonisch geordnetes Ganzes. Seine Strukturen sollten regelmäßig überprüft, Veränderungen – beispielsweise in der Gesellschafter-, Mitarbeiter oder Mandantenstruktur – nicht ignoriert, sondern analysiert werden. Wie funktioniert dieser Kosmos Kanzlei? Das zu hinterfragen, hatte sich das diesjährige BDPA Herbstseminar zur Aufgabe gemacht. Mit Beiträgen zu wirksamen Haftungsbeschränkungen, Fragen des Sozietätsrechts mit seinen verschiedenen Gesellschaftsformen und Tipps zum Gesellschaftsvertrag bis hin zur Teamführung bot sich den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Gelegenheit, die fachliche Expertise mit ihrer Kanzleipraxis zu spiegeln.

Augen auf beim Gesellschaftsvertrag

Dr. Alexander Siegmund, ASR Rechtsanwälte

Die rechtliche Basis einer Kanzlei ist das Sozietätsrecht. Dr. Alexander Siegmund ging in seinem Vortrag Fragen zum Gesellschaftsrecht für die freien Berufe nach. Zunächst erläuterte der Rechtsanwalt aus München die verschiedenen Gesellschaftsformen und mit welchen Berufsträgern Patentanwälte in einer Sozietät zusammenarbeiten können. In diesem Kontext kam auch das Thema „Fremdbesitz“ zur Sprache und ob es zulässig ist, Geschäftsanteile an einen reinen Finanzinvestor zu übertragen.

Worauf beim Gesellschaftsvertrag bei Personengesellschaften geachtet werden muss und wann er zum Balanceakt werden kann, stieß bei den Zuhörerinnen und Zuhörern auf besonderes Interesse. Siegmund identifizierte dabei die Haftungsbeschränkung, die Gewinnverteilung und den Gesellschafterwechsel als die drei wesentlichen „Problemzonen“.

Zu „Möglichkeiten einer wirksamen Haftungsbeschränkung“ sprach auch Prof. Dr. Godehard Kayser, Vorsitzender Richter am BGH a.D. Sein Fokus lag auf dem Schutz durch vertraglich vereinbarte Haftungsbeschränkungen, Wahl der richtigen Rechtsform und einer angemessenen Berufshaftpflichtversicherung. Kayser verwies auch auf mögliche Lücken des Versicherungsschutzes, wie beispielsweise bei einer Obliegenheitsverletzung oder Aktivitäten im Ausland.

Was macht eine Kanzlei betriebswirtschaftlich erfolgreich?

Welche Parameter fließen in den betriebswirtschaftlichen Erfolg einer Kanzlei ein und welche Rolle übernimmt dabei der Inhaber oder die Inhaberin? Michael Loch, CEO der Glawe Unternehmensvermittlung, betonte in seinem Beitrag die Notwendigkeit, die Unternehmenskultur regelmäßig zu analysieren und die Rollenverteilung von Fachkraft, Manager und Unternehmer zu hinterfragen. Loch erläuterte auch, unter welchen Bedingungen es sinnvoll sein kann, Managementaufgaben outzusourcen, auch wenn ein externer Manager in einer Kanzlei oftmals einem Kulturschock gleichkäme. In diesem Kontext kam er auch auf die Fusionierung von Kanzleien als Trend zu sprechen. Spätestens dann müsste die Unternehmenskultur neu überdacht werden.

Unternehmenskultur – was ist das?

Dr. Georg Anders, HEUSSEN München

Überhaupt zog sich das Thema Unternehmenskultur wie ein roter Faden durch die verschiedenen Vorträge des Herbstseminars. Ob sich unbewusst ein gewisser Umgang im Team einer Kanzlei über Jahre zementiert oder aktiv an der Optimierung von Kanzleistrukturen gearbeitet wird – das Team ist in jeder Kanzlei von zentraler Bedeutung. Dr. Georg Anders, Mitherausgeber von Prof. Dr. Benno Heussen‘s Standardwerk „Anwaltsunternehmen führen“, schaute dabei speziell auf die Patentanwaltskanzlei mit ihren Besonderheiten wie einem eigenen Berufsrecht, Doppelqualifikationen und speziellen Anforderungen an das Team. Anders bringt es dabei auf den Punkt: „Fachliche Exzellenz allein reicht nicht.“ Ohne Führungsqualitäten kann der Partner auf Dauer zum Verlustgeschäft werden. Das Kanzleiergebnis hängt immer vom Team ab, denn „eine Kanzlei, die möglichst viel Arbeit durch die teuersten Köpfe selbst erledigen lässt, verschwendet systematisch Wert.“ Organisation und Unternehmenskultur benennt Anders als die zentralen Hebel, die zum Erfolg einer Patentanwaltskanzlei beitragen.

Ronja Tietje, Kanzlei-Consultant und Vorstandsmitglied des RENO-Bundesvorstandes, konnte dem nur zustimmen. Eine gute Kanzleiorganisation mit optimierten Prozessen sowie ein vertrauens- und respektvolles Miteinander im Team sieht sie als Garant für eine erfolgreiche Patentanwaltskanzlei. In dem Zusammenhang gab sie auch wertvolle Tipps zur Mitarbeitergewinnung und wie die sich langfristig an eine Kanzlei binden lassen.

v.lks. Jens Reinhard, Anna von Berg, Christian Mohr, Lukas Kellermeier

Die Kanzlei der Zukunft

Gerade die Prozessoptimierung wird vor dem Hintergrund neuer Technologien in der Kanzlei von morgen weiter an Bedeutung gewinnen. Die BDPAyouth hatte zum Auftakt des Herbstseminars den Blick in die Zukunft gewagt: „Gestern analog, heute digital und morgen durch KI ersetzt?“ Die Frage diskutierte BDPA-Vorstandsmitglied Dr. Christian Mohr mit Anna von Berg, Patentanwältin bei Hauck und Schöpferin von PatentPen, Jens Reinhard, Co-Founder und Geschäftsführer von noventive und Lukas Kellermeier, Legal Engineer bei Libra. Als zentraler Aspekt wurde dabei die Bereitschaft identifiziert, den Workflow anzupassen und sich in Sachen Künstlicher Intelligenz Expertise anzueignen, denn nur richtig um- und eingesetzt, habe KI das Potential, Prozesse grundlegend zu verändern. Inwieweit das zu einem veränderten Rollenverständnis von Patentanwältinnen und Patentanwälten führen wird, wird die Zukunft zeigen.

Es hat mittlerweile schon Tradition, dass das Herbstseminar zum Ende der zweitägigen Veranstaltung die Gelegenheit ergreift, den Horizont zu erweitern – in diesem Jahr zum Thema Klimawandel. Prof. Dr. Ben Marzeion vom Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (MARUM) der Universität Bremen gab mit seinem Vortrag „Die Zukunft ist schon da – Gletscher, Meeresspiegel und die Trägheit des Erdsystems“ Einblicke in seine Forschung zu Gletscherschmelze und Wasserverfügbarkeit auf der Erde. Der Klimawissenschaftler führte den Anwesenden vor Augen, wie weitreichend schon jetzt die Auswirkungen des Klimawandels auf unseren Planeten sind, gab zum Schluss aber auch etwas Hoffnung mit auf den Heimweg: Neue Technologien könnten auch ihren Beitrag leisten, den irreversiblen Anstieg des Meeresspiegels zumindest zukünftig zu verlangsamen.